Hilfseinsatz in Italien

01.06.2023

Beißender Ölgestank zieht durch die verwinkelten Gänge des Kellers, der Duft von Fäkalien legt sich wie ein Schleier darüber und setzt sich in der Nase fest. Das ist, auch zwei Wochen nach der Flut, die Realität für die Bewohner der Emilia-Romagna. So stehen immer noch an vielen Ecken die LKW‘s der Reinigungsfirmen, um Schlamm aus den Kellern zu saugen.

Auch heute zog der Schwabenkriegerhaufen wieder Geschirr, Matratzen oder Rucksäcke aus der dickflüssigen braunen Suppe, die die Flut in den Keller eines Hauses – gelegen am zentralen Platz in Castel Bolognese – spülte. Dementsprechend sah die Truppe danach dann auch aus.

Zuvor waren wir erneut beim Jugendzentrum am rumwerkeln. Es ist immer cool, wenn man eine Baustelle auf einer Tour öfter sieht und dadurch die lokalen Helfer besser kennen und schätzen lernt. Glücklicherweise spricht eine Mitfahrerin ausgezeichnetes Italienisch, sodass die beim Rest vorhandene Sprachbarriere kaum Probleme machte.

So lud uns einer der Locals für den Abend in eine Sportsbar ein, um den letzten Tag noch gebührend zu zelebrieren. Morgen geht‘s für uns in aller Früh nach Hause, doch tausende Italiener hetzen sich immer noch Tag für Tag zwischen Job und Haussanierung ab.

Das bietet Zeit um nachzudenken, was man machen kann, um sich vom chipsfressenden, jammernden Einheitspöbel abzugrenzen. Zeit, Worte wie Solidarität und Nächstenliebe mit Inhalt zu füllen. Zeit, weniger zu labern und mehr zu machen.
Es gibt noch so viel zu tun.

31.05.2023

Ein langer Tag neigt sich dem Ende entgegen und wir sind immer noch an der Baustelle und trinken ein Feierabendbier. Bei Arbeitszeiten von 7 bis 19 Uhr auch redlich verdient. Doch beginnen wir von vorn.

Am Morgen wurden die auseinandergebauten Regalstücke von gestern am bekannten Altenheim in Castel Bolognese ausgeladen. Danach teilte sich die Bande in zwei Gruppen auf. Zwei Leute halfen beim Auspumpen des Schlammkellers, in dem wir am Montag schon waren.

Der Rest verlegte ins Jugendzentrum, in dem auch die letzten Tage schon gearbeitet wurde. Dort musste sich die verschlammte Küche – leider – ihrem Schicksal fügen und auseinandergerissen werden. Das gleiche passierte den Gipswandträgern, die gestern noch überlebt haben.

Schön zu sehen ist der Zusammenhalt unter den lokalen Jugendlichen, die hier auch kräftig mit anpacken und jeden Tag am Jugendzentrum anzutreffen sind. Denn auch hier weiß jeder: Eine Gesellschaft, die zusammenhält, kann nicht verlieren.

30.05.2023

Servus!

Heute morgen gab es zunächst noch „unfinished business“ zu erledigen. Im Altenheim, in dem wir gestern schon am Start waren, haben wir den Keller fertig gereinigt und dabei den Dampfstrahler durchgejagt.

Danach ging es nach Brisighella, das uns Andrea gestern mehrfach als „wonderful medieval town“ angepriesen hat. Das hätte es gar nicht gebraucht, wir hätten ja sowieso Bock darauf gehabt. Nichtsdestotrotz hatte der gute Mann Recht, die Stadt hat sehr viel Flair und ist nicht ohne Grund Mitglied der I borghi più belli d’Italia (Die schönsten Orte Italiens). Dort angekommen räumten wir Lagerregale aus einem Dachgeschoss, die für Betroffene benötigt werden.

Am späten Nachmittag wurde es noch robust – ganz nach unserem Geschmack. Die Kellerwände eines Jugendzentrums haben vom Flutschlamm einiges abbekommen und waren nicht mehr zu retten. Mit den dünnen Gipswänden machte das Augsburger Abrisskommando kurzen Prozess und als Dankeschön bekamen wir von den Locals noch ein Ständchen gesungen. Grazie!

29.05.2023

Ciao Schwaben!

Um nicht unnötig Zeit zu verlieren, passierten wir heute Nacht gegen 2:00 Uhr das Ortsschild von Castellbolognese, unserer Heimat für die Zeit des Aufenthalts in Italien.

Nach Ankunft erzählte uns der Kontaktmann nebenbei von einem zwei Stunden vorher passierten Einbruch in unser leer stehendes Gasthaus. Aufregender Beginn. Wie sich später herausstellte, wollten die Kleinganoven nur duschen und ihre Notdurft verrichten, geklaut wurde mangels Einrichtung: nichts.

Das zeigte bereits, wie viel Glück wir mit dem aus der Fanszene vermittelten Domizil hatten, andernorts funktionieren sanitäre Einrichtungen nämlich nicht. Erste Eindrücke vom Ausmaß der Flutkatastrophe von vor knapp zwei Wochen gab es dann nach kurzer Nacht zu sehen. Verschlammte Kellerräume und Flutnarben an den Häuserfassaden zeugten von unruhigen Tagen hier in der Emilia-Romagna. Trotzdem sah man viele Einheimische Espresso trinkend in Cafés sitzen. Offenbar lässt sich das italienische Gemüt so schnell nicht aus der Ruhe bringen. Eine angenehme Eigenschaft!

Das gilt auch für unseren Auftraggeber und zweite Kontaktperson, Andrea. Der joviale Sozialarbeiter steht mehreren Baustellen vor und spricht – zum Glück – fließend Englisch. Sein Lieblingswort dabei ist „Bullshit“, denn dafür hat der Signore definitiv keine Zeit. Nach zehntägigem Dauereinsatz auch kein Wunder.

Unserer siebenköpfigen Crew trug er jedenfalls das Entrümpeln eines Kellers auf, der vollends mit Schlamm bedeckt war. Die bereitgestellten Maleranzüge waren dabei auf jeden Fall notwendig, wollte man nicht auf ganzer Körperlänge voller Fäkaldreck sein. Nach kurzer Stärkung ging es nachmittags dann in ein Altenheim, dessen Untergeschoss per Dampfstrahler gereinigt wurde. Dazu bauten wir ein provisorisches Zelt auf, um durchnässte Dokumente an der frischen Luft trocknen zu können.

Den Abend lassen wir nach dem 13-stündigen Arbeitstag nun in entspannter Runde im Kreise Einheimischer, die extra für die Helfer kochen, ausklingen.

Letztendlich bleibt festzuhalten, dass es keine weltverändernden Heldentaten sind, die wir hier leisten, doch geben sie katastrophengeplagten Menschen Hoffnung und das Gefühl, mit all dem Chaos nicht allein zu sein.

Wir bleiben dran!